Kultur und Kleinkunst in Mainz: Wort und Ton aus eigener Feder

Kultur bei der Schlaraffia in Mainz heißt: Die Mitglieder machen sie selbst. An den Donnerstagen der Winterung tragen die Sassen der Moguntia im Rittersaal über dem Heiliggeist eigene Gedichte, Lieder, Musikstücke, Rätsel und gereimte Spitzen vor, und Gäste hören einfach zu. Applaus ist dort die einzige Währung, die zählt.

Ein Thema, viele Federn

Jeder Abend bekommt ein Motto, und das Motto ist eine Einladung an alle Federn im Saal. Einmal wird die Mottenkiste geöffnet, und vergilbte Fechsungen, so heißen die selbst verfassten Beiträge, dürfen ein zweites Mal glänzen. Ein andermal öffnet man die Perlenschatulle für Erinnerungen und kleine Kostbarkeiten. Dann wieder würdigt das Reych 125 Jahre Nobelpreis oder den hundertsten Geburtstag von Peter Alexander, lässt unter dem Titel „Kniffelig - Wer löst mein Rätsel?“ die grauen Zellen arbeiten oder widmet Carl Zuckmayer, einem seiner Ehrenschlaraffen, zum 50. Todestag einen Abend. Was daraus wird, weiß vorher niemand genau, und genau das macht den Reiz aus.

Musik als Mainzer Grundton

Gesungen wurde in diesem Reych vom ersten Abend an. Schon bei der Gründung 1882 übten die Männer Schlaraffenlieder ein, und bald darauf widmete Rt Wolfram der Erhabene der jungen Colonie das Lied „Auf, auf Ihr Schlaraffen“. Wie musisch die Moguntia war, belegt eine alte Zählung des Ritters Boles: Unter den 240 Sassen der ersten zwanzig Jahrungen fanden sich 90 Schauspieler, 49 Opernsänger und 19 Kapellmeister, Pianisten oder Musici. Heute gibt es eigene Musik-Sippungen, bei denen gemeinsam musiziert und gesungen wird. Und als die Moguntia 2014 ihres Sassen Ernst Neger gedachte, brachte jeder der rund 65 Anwesenden eigene Beiträge mit, bevor eine alte Schellackplatte mit seinem „Heile, heile Gänsje“ manchem Ritter die Augen feucht werden ließ.

Wettstreit mit Witz

Kleinkunst lebt auch vom sportlichen Ehrgeiz. Beim Turney um den „simple Becher“ messen sich die Sassen mit Beiträgen zu einem vorgegebenen Leitgedanken, und bei der Junkertafelsippung überlässt das Reych dem Nachwuchs die Gestaltung eines ganzen Abends. Wie scharf eine Pointe ausfallen kann, zeigt die Geschichte: Wegen einer allzu spitzen Fechsung warf die Colonia Agrippina ihrer Mainzer Tochter einst den Handschuh vor den Thron und erklärte die Reychsfehde.

Zwischen Konservatorium und Fastnacht

Ins Kulturleben der Stadt reicht die Moguntia über ihre Stiftung hinaus. Junge Musikerinnen und Musiker, etwa aus dem Peter-Cornelius-Konservatorium oder der Geigenklasse an der Integrierten Gesamtschule Mainz-Hechtsheim, nutzen die Burg für Generalproben vor einem aufmerksamen Kreis von Zuhörern, bevor sie in einen Wettbewerb gehen. Mit dem Preis „Mainzer Stadtmusiker“, einer Uhu-Bronze von Liesel Metten, stellte die Stiftung den bekannten Auszeichnungen des Stadtschreibers und des Stadtdruckers eine musikalische zur Seite; ausgezeichnet wurden 2016 Domorganist Daniel Beckmann, 2017 Steph Winzen und 2018 Dr. Felix Koch. Dass ausgerechnet ein Dachdeckermeister und Fastnachtssänger wie Ernst Neger 36 Jahrungen lang in diesem Kreis saß, passt zu einer Stadt, in der Frohsinn seit jeher ein ernsthaftes Handwerk ist.

Zuhören ist ausdrücklich erwünscht

Gäste sind an jedem Donnerstag gern gesehen, und niemand erwartet von ihnen einen Beitrag. Welche Mottos anstehen, verrät der Kalender der Moguntia; was Sie vor dem ersten Besuch wissen sollten, steht in den Antworten auf häufige Fragen. Wer vorab verstehen möchte, nach welchen Regeln Schlaraffen überall auf der Welt spielen, liest bei schlaraffenfreunde.de nach, wie die Schlaraffia als Bund funktioniert.

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