„Pension Schöller“ ist der erfolgreichste deutsche Schwank. Seit der Uraufführung 1890 ist er von den deutschen Bühnen nicht mehr abgesetzt worden. Geschrieben haben ihn zwei Männer, die beide in Mainz geboren wurden, beide Mainzer Fastnachter waren — und beide Sassen der Schlaraffia Moguntia: Rt Jocus und Rt Saphir.
Zwei Mainzer
Carl Laufs, in der Moguntia Rt Jocus, wurde 1858 in Mainz geboren und starb 1900 in Kassel. Sein Titul ist Programm: Jocus ist der Scherz.
Wilhelm Jacoby, in der Moguntia Rt Saphir, wurde 1855 in Mainz geboren und starb 1925 in Wiesbaden. Er war nicht nur Mitglied, sondern von 1884 bis 1889 Präsident des Mainzer Carneval-Vereins — jenes Vereins, der 1838 gegründet wurde und im Februar desselben Jahres den ersten Mainzer Rosenmontagszug führte.
Zwei Männer also, bei denen dasselbe dreifach zusammenkommt: das Theater, die Mainzer Fastnacht und die Burg der Schlaraffen. Man kann kaum enger in einer Stadt verankert sein.
Das Stück
Die Idee stammt von Jacoby, den Text schrieb Laufs. Verfasst wurde die Posse 1889, uraufgeführt 1890 in Berlin. Seither steht sie ununterbrochen auf deutschen Spielplänen — Stadttheater, Landesbühnen, Amateurbühnen, Fernsehen. Wer in Deutschland aufgewachsen ist, hat den Titel gehört, auch wenn er das Stück nie gesehen hat.
Es gehört zu den Eigenheiten des schlaraffischen Spiels, dass es hinter der Burgpforte bleibt. Draußen wurden die beiden berühmt; drinnen waren sie Jocus und Saphir, und niemand fragte nach Auflagenzahlen.
Warum ausgerechnet in diesem Reych
Die Frage, wie ein Schlaraffenreych zu zwei solchen Sassen kommt, beantwortet die eigene Statistik. Zum zwanzigsten Stiftungsfest zählte Ritter Boles die ersten zwanzig Jahrungen durch. Von 240 Sassen waren
- 90 Schauspieler,
- 49 Opernsänger,
- 19 Kapellmeister, Pianisten oder Musici.
Zwei Drittel des Reyches lebten von der Kunst. Die Chronik schließt den Absatz mit drei Worten: „Wahrlich, ein musisches Reych!“
Das ist kein Zufall, sondern Herkunft. Die Moguntia wurde am 7. Oktober 1882 von einem Schauspieler und einem Opernsänger gegründet, und schon bei der Gründungs-Festsippung gehörten fünf der siebzehn geschlagenen Ritter der Mainzer Bühne an. Ein Reych, das aus der Theatersaison 1882/83 hervorging, hatte die Autoren des erfolgreichsten deutschen Schwanks gleichsam von Berufs wegen in seinen Reihen.
Und noch einer
Dieselbe Reihe führt weiter. Hans Pfitzner erscheint in der Chronik als Sasse unter dem Titul Pitsch; er wurde 1894 als Dirigent an das Mainzer Theater berufen. Und mit Ernst Neger — Rt Negus der Daag- und Nachtdecker — hat das Reych später den bekanntesten Mainzer Fastnachtssänger überhaupt zu seinen Sassen gezählt. Auch das eine eigene Geschichte.
Zur Geschichte der Moguntia · Unsere Ehrenschlaraffen · Zur Reychs-Chronik
Die Lebensdaten von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby, ihre Mitgliedschaft im Mainzer Carneval-Verein, Jacobys Präsidentschaft von 1884 bis 1889 sowie Entstehung und Uraufführung des Stücks sind mit öffentlichen Quellen belegt. Die Tituln Jocus und Saphir und die Zählung des Ritters Boles stehen in der Chronik des Reyches. Zu Hans Pfitzners Schlaraffentum gibt es außerhalb der schlaraffischen Überlieferung keine Bestätigung; hier steht nur, was die Chronik sagt. Wer Unterlagen oder Bilder zu Jocus und Saphir beitragen kann, möge sich bitte melden.