Ein Ehrenschlaraffe wird nicht gewählt, er wird erkürt — und zwar für Menschen, die das schlaraffische Ideal von Kunst, Humor und Freundschaft verkörpert haben, lange bevor es Schlaraffia gab oder ohne je selbst Sasse gewesen zu sein. Die Moguntia hat acht solcher Männer erkoren, und sie hat sie fast durchweg dort gesucht, wo auch ihre Stadt ihre Toten ehrt: Diese Ahnenreihe ist zugleich eine Führung durch Mainz.
ES Gensfleisch der Schwarzkünstler — Johannes Gutenberg
Johannes Gensfleisch zu Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkunst, ist der erste Ehrenschlaraffe der Moguntia, erkürt a. U. 40/41. Der Chroniktext der Archivdatenbank datiert den endgültigen Beschluss auf a. U. 40 und nennt als Auftakt die große Kunz-feyer vom 13. und 14. November 1897, mit der das Reych sein fünfzehntes Stiftungsfest und seine 400. Sippung beging.
Die Erkürung fiel in Jahrungen, in denen ganz Mainz seinen berühmtesten Sohn feierte: Zum Johannistag 1900 beging die Stadt Gutenbergs 500. Geburtstag und beschloss dabei, ein Gutenberg-Museum einzurichten und eine Gutenberg-Gesellschaft zu seiner Unterstützung zu gründen; das Museum wurde am 23. Juni 1901 eröffnet. Auf dem Gutenbergplatz stand schon seit 1837 Bertel Thorvaldsens Gutenberg-Denkmal.
Von da an nannte sich das Reych das Gutenberg-Reych. Seine Burg heißt Gutenbergburg, und alle fünf Jahrungen richtet es das Gutenberg-Turney aus.
ES Stadinger der Liederreiche — Albert Lortzing
Albert Lortzing wurde a. U. 42/43 anlässlich seines 100. Geburtstages zum zweiten Ehrenschlaraffen der Moguntia erkoren.
Der Titul ist ein Spiel mit seinem eigenen Werk: Hans Stadinger ist die Titelfigur der komischen Oper „Der Waffenschmied“, die am 31. Mai 1846 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde — Waffenschmied und Tierarzt in einer Person, und damit genau die Art Figur, an der Schlaraffen Freude haben.
ES Frauenlob der Minnesänger — Heinrich von Meißen
Dritter Ehrenschlaraffe des Reyches wurde a. U. 46/47 der Minnesänger Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob (um 1250–1318). Er bereiste als deutschsprachiger Lied- und Spruchdichter viele Fürsten- und Königshöfe. Zuletzt war er Schützling des Erzbischofs Peter von Aspelt in Mainz, wo er auch starb. Er gilt als Gründer der ersten Meistersänger-Schule.
Frauenlob starb am 29. November 1318 in Mainz. Sein Grabstein liegt im Kreuzgang des Mainzer Domes — wer den Ehrenschlaraffen besuchen will, muss also nur über den Markt gehen.
ES Abul Hassan der Liederfrohe — Peter Cornelius
Im Rahmen des 30. Moguntia-Reychsgeburtstages, a. U. 53/54, wurde der Mainzer Dichter und Komponist Peter Cornelius gekürt. Er wurde am 24. Dezember 1824 in Mainz als Sohn eines Schauspielerehepaares geboren und starb dort am 26. Oktober 1874 — eine Mainzer Biographie von Anfang bis Ende.
Bereits mit 19 Jahren war er Hofschauspieler am Mainzer Theater; bei Siegfried Dehn studierte er Komposition. Seine berühmteste Oper „Der Barbier von Bagdad“ wurde am 15. Dezember 1858 unter Franz Liszt herausgebracht — und der Name des Barbiers ist Abul Hassan. Die Oper zeichnet sich durch melodische Lyrik und humorvolle Beschwingtheit aus. Cornelius liebte Freundschaften, so auch zu Liszt und zu Richard Wagner. In seiner mit Mainz eng verbundenen Person sind die drei Maxime Schlaraffias — Kunst, Humor und Freundschaft — vereint.
ES Zuck vom fröhlichen Weinberg — Carl Zuckmayer
Carl Zuckmayer wurde a. U. 117/118 anlässlich seines 80. Geburtstags erkoren. Geboren 1896 in Nackenheim, zog er mit vier Jahren nach Mainz. 1925 gelang ihm mit „Der fröhliche Weinberg“ im Mainz-Frankfurter Dialekt der Durchbruch und der Kleist-Preis; 1962 wurde er Ehrenbürger der Stadt Mainz. Er starb 1977 in Visp.
Der Titul nimmt das Stück auf, mit dem er berühmt wurde — und es ist wohl der einzige Ehrenname der Moguntia, bei dem Rheinhessen selbst mit am Tisch sitzt.
ES Archeviech vom Pütt — Fred Endrikat
Postum erkürt wurde a. U. 134/135 der Kabarettist und satirische Lyriker Fred Endrikat (1890–1942), der „Ringelnatz des Ruhrgebiets“. In Westpreußen geboren, wuchs er mit sechs Geschwistern in Wanne-Eickel auf. Schon als Schüler trat er mit Gedichten und kleinen Theaterstücken auf. Den „Pütt“ — das Bergwerk — lernte er als Bergmannssohn und Pferdejunge in einer Zeche von innen kennen.
Mit 17 Jahren trat er zuerst in Cafés auf, dann im „Kabarett der Komiker“ in Berlin und im „Simplicissimus“ in München. Sein eigenes Kabarett „Die Arche“ gründete er 1937 und nannte sein Ensemble liebevoll Archeviecher — daher der Titul.
ES Ritter Freiheit — Ludwig Kalisch
Zum 125. Stiftungsfest am 20. Lethemond a. U. 148 — Lethemond ist der Oktober — erkürte das Reych noch zwei Ehrenschlaraffen. Der erste war der Schriftsteller Ludwig Kalisch (1814 in Lissa geboren). Er hatte sich 1843 in Mainz niedergelassen und von 1843 bis 1846 die Fastnachtszeitung „Narrhalla“ redigiert.
Kalisch starb am 3. März 1882 in Paris — sieben Monate, bevor in seiner Stadt die Moguntia gegründet wurde. Er hätte es also noch erleben können.
ES Carl der Gründer — Franz Thomé
Der zweite Erkorene des 125. Stiftungsfestes ist derjenige, ohne den es keinen dieser Namen gäbe: Franz Thomé (1807 in Wien geboren, 1872 in Prag gestorben), in Allschlaraffia der Urschlaraffe „Carl II. der Frauenprüfer“ und seit dem Concil a. U. 150 Ehrenritter Allschlaraffias.
Thomé war Direktor des berühmten Prager Theaters und genoss daher hohes Ansehen. Mit seinem Austritt aus dem Gesellschaftsverein Arcadia — der einem Theatermitglied die Aufnahme mit dem Wort „Proletarier“ verwehrt hatte — gab er den entscheidenden Anstoß zur Entstehung Schlaraffias. Am 10. Oktober 1859 gründete er in Prag mit einigen seiner Schauspieler und Sänger die Schlaraffia.
Dass ein Reych von Theaterleuten den Theaterdirektor ehrt, der Schlaraffia aus Zorn über eine Standesdünkelei gegründet hat, ist folgerichtig: Die Moguntia bestand in ihren ersten zwanzig Jahrungen zu zwei Dritteln aus Künstlern.
Zur Geschichte der Moguntia · Zur Reychs-Chronik · Pension Schöller — zwei Mogunten und ein Schwank
Die Jahrungen der Erkürungen und die Tituln folgen der Chronik des Reyches und dem elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv; die profanen Lebensdaten und die Mainzer Bezüge sind mit öffentlichen Quellen belegt. Bei Franz Thomé nennt die ältere Fassung dieser Seite als Todesjahr 1882; nach den öffentlichen Quellen ist es 1872 — hier steht das belegte Jahr. Wo die Chronik eine Jahrung mit Schrägstrich angibt (a. U. 40/41 etwa), umfasst sie eine Winterung und damit zwei profane Kalenderjahre; ein einzelnes profanes Jahr steht deshalb dort nicht.